Ausbildung
Kaum zu knacken
Die ADAC-Rettungskarte im Einsatz: Feuerwehrleute aus 23 Ländern üben die Befreiung von Unfallopfern aus Autowracks
Hier wird's besonders knifflig: Feuerwehrmänner diskutieren, wie eingeklemmte Unfallopfer aus diesem Fahrzeug gerettet werden
Die Innenstadt der 70 000-Einwoh
ner-Stadt Norderstedt sieht aus wie die Kulisse für einen Horrorfilm über Auto-Crashs: Pkw auf der Seite, auf dem Dach oder bis zur B-Säule in einen Wohnwagen verkeilt, unter Brummis gerutscht oder um Betonpfeiler gewickelt. Dazwischen Dummys, eingeklemmt in havarierten Reisebussen. Doch wir sind nicht an einem Drehort. Sondern bei den "Rescue Days", der weltweit größten Ausbildungsveranstaltung für technische Hilfeleistungen der Feuerwehren: An drei Tagen schulen 45 Instruktoren 500 Feuerwehr-Ausbilder aus 23 Nationen darin, Fahrzeuge fachgerecht aufzuschneiden, um verletzte Insassen zu retten. Dafür hat ein großer Hersteller von Hydraulik-Rettungssystemen 160 Unfallfahrzeuge in die Stadtmitte transportieren lassen.
Und jetzt wird geschnitten, gespreizt und gesägt. Jörg Heck, Hauptbrandmeister bei der Freiwilligen Feuerwehr Mainz und einer der erfahrensten Experten für technische Rettung, klappt das Visier seines Schutzhelms herunter und setzt die Rettungsschere an der Beifahrerseite eines arg zerbeulten E-Klasse-Coupes an. >,Wir machen jetzt mal eine dritte Tür", sagt er und demonstriert damit, wie Rettungsdienste verletzte Insassen aus einem verunfallten Zweitürer bergen.
Stabile Karosserien und verstärkte Fahrgastzellen machen moderne Autos immer sicherer. Doch was gut für den Überlebensschutz der Mitfahrer ist, wird für Rettungskräfte nach einem Unfall zur immer größeren Hürde. Besonders dann, wenn sie die Unfallopfer mit schwerem Gerät aus dem Fahrzeug befreien müssen. Hel-fen könnten den Rettern Informationen über die Konstruktion des Autos.
Dafür hat der ADAC eine Lösung ent-wickelt: die ADAC-Rettungskarte. Sie enthält alle wichtigen technischen
Daten über Automodelle. Die zu seinem Fahrzeug passende Rettungskarte kann jeder aus dem Internet laden und ausdrucken - sofern die Hersteller sie anbieten (siehe Kas-ten S. 50) - und hinter der Fahrersonnenblende befestigen. Dort ist sie für die Einsatzkräfte problemlos und schnell erreichbar. Eine einfache Maßnahme, die im Ernstfall Leben retten kann.
Das zeigen auch die Erfahrungen auf den Rescue Days. Dort wurde ein Teil der Autowracks mit Rettungskarten bestückt. Feuerwehrleute bestätigten, dass das Datenblatt bei ihren Übungen äußerst
hilfreich war. 92 Prozent der Befragten empfanden sie als "zielführend" für ihre Arbeit. Weil die Karte Zeit spart: Die Einsatzkräfte wissen sofort Bescheid über Besonderheiten des Unfallautos wie zum Beispiel Verstärkungen der Karosserie, Airbags, Batterie und günstige Ansatzpunkte für die Schneidegeräte. Und wo Menschen-leben in Gefahr sind, zählt jede Sekunde.
Hauptbrandmeister Heck erklärt: "Oh
ne Informationen über das Fahrzeug wird die technische Rettung nicht nur schwerer, sondern auch gefährlicher." Treffen die Rettungskräfte etwa mit ihren Scheren auf einen Gasgenerator, werden nicht nur die Feuerwehrmänner,
Lässt sich die Fahrertür nicht mehr Öffnen, muss sie mit der hydraulischen Schere abgetrennt werden (Mitte).
Liegt das Auto auf dem Dach, kann mit der Säbelsäge ein Teil des Fahrzeugbodens herausgeschnitten werden (rechts)
sondern möglicherweise auch die Unfallopfer im Auto verletzt. In einer Übung an chromblitzenden Neuwagen - Nullserienwagen, von den Herstellern zur Verfügung gestellt - markiert Heck an einer Limousine mit kleinen Magnettafeln die Stellen, an denen die Rettungsschere besser nicht angesetzt werden sollte: -Überrollschutz, Gurtstraffer, Karosserieverstärkung, der Gasgenerator des Airbags ..." Hubert Springer von der Freiwilligen Feuerwehr Rohrbach weiß aus Erfahrung: "Je neuer das Fahrzeug, desto pro-blematischer die Rettung" - was Untersuchungen der ADAC-Luftrettung und -Unfallforschung bestätigen. "Deshalb sind ADAC-Rettungskarten in der Praxis eine wichtige Hilfe. Die Rettung geht schneller. Und das ist gut für die Unfallopfer."
Drei Tage "Autoknacken" haben sich gelohnt. Nicht zuletzt für die wichtige Erkenntnis, dass die ADAC-Rettungskarte
Leben retten kann.
Welche Hersteller die Rettungskarte anbieten
Der Lebensretter im DIN-A4-Format
Die festen Karosserien moderner Autos sorgen bei einem Crash für Probleme: Rettungskräfte haben zunehmend Schwierigkeiten, Unfallopfer aus zerstörten Fahrzeugen zu schneiden. Der Club hat zusammen mit dem Verband der Automobilindustrie die ADAC-Rettungskarte entworfen. Auf diesem Datenblatt findet die Feuer-wehr vor Ort alle technischen Informationen, die zum Aufschneiden eines Autos wichtig sind.Wenn die Karte für Ihr Fahrzeug ver-fügbar ist, finden Sie diese auf den Internetseiten des Herstellers oder unter www.adac.de/rettungskarte. Einfach die DIN-A4-Seite ausdrucken und gefaltet hinter der
Fahrersonnenblende befestigen.
Nach Vorbild des ADAC-Entwurfs haben inzwischen Audi, BMW, Mini, Isuzu, Kia, Opel, Porsche, Saab, Seat, Subaru, Suzuki, Toyota und VW Karten für ihre Modelle erstellt. Ganz neu: BMW und Mini zeigen die verstärkten Teile am Auto, wo es für Schneidewerkzeuge schwierig wird. Und geben Schnittbereiche an, wo Helfer mit Hydraulikscheren ansetzen können.
Bis Ende des Jahres wollen Alfa, Daihatsu, Fiat, Ford, Honda, Hyundai, Jaguar, Lancia, Land Rover, Mazda, Mercedes, Mitsubishi, Skoda und Volvo Rettungskarten vorlegen.
Keine konkrete Ankündigung gibt es i bisher von Chrysler, Citroän, Dacia, GM, Lada, Nissan, Peugeot und Renault. Vorbildlich: Im Rahmen des Pilotpro-jekts von ADAC und Feuerwehr Nürn-berg zur bundesweiten Ausrüstung mit der ADAC-Rettungskarte wurden in Nürnberg ca. 1500 Fahrzeuge mit den Datenblättern ausgestattet.